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Jan.′ 20 26

“Was ich zuvor besessen, was ich zuvor gewusst. Das will ich verlieren, vergessen.- Ich reise durch meine eigene Brust.“ (Ringelnatz: Der Abenteurer)

Borta bra, men hemma best. An unserer Küchentür in Kiel hängt dieser Spruch seit unserem Einzug dort vor 23 Jahren. Es ist schön zu verreisen, aber zuhause ist es am schönsten. Dieser Spruch begleitet uns bis hierher. Wir merken, wie sehr wir das Ostseesegeln und die dänischen und schwedischen Inseln lieben. Klar genießen wir die Wärme hier. Im Januar jeden Tag baden gehen zu können, abends lange am Grill zu sitzen unter Palmen ist wunderschön. Unser Ziel war, ein Jahr auf dem Schiff zu leben in der Wärme. Das können wir hier wunderbar. Jeden Morgen schauen wir aus der Luke und über uns strahlt blauer Himmel. 

Wir haben so viele wundervolle Menschen kennengelernt. Viele von ihnen sind inzwischen abgelegt. Richtung Karibik. Wir haben sie bei den Vorbereitungen, bei der Überfahrt und bei der Ankunft begleitet, digital. Bekommen Bilder aus einer anderen Welt geschickt, von weißen Stränden und Urwäldern, Schildkröten und Wasserfällen. Wunderschön. 

Unser Jugendtraum: Komm, wir segeln um die Welt! Ploppt auf.

Zu unserem Einzug in unsere erste Wohnung hat der Käptn der Ersten eine Weltkarte geschenkt, auf der der Pazifik im Mittelpunkt steht. Weil das der schönste Ozean ist, hat er kommentiert. Damals waren wir 20 Jahre alt, voller Abenteuerlust und haben sämtliche Weltumseglerbücher verschlungen. 

Wir haben inzwischen das dritte Schiff, top-ausgerüstet, bald die Zeit und das Geld, den Traum wahr werden zu lassen. Den Traum von damals. Denn Abenteuer haben wir seitdem schon viele erlebt. Wir haben unsere drei wunderbaren Kinder bekommen, mit ihnen, Pferd, Hund, Katze und VW-Bus viele wundervolle und herausfordernde Momente erlebt. Wir haben beruflich Kapriolen geschlagen, Häuser und Wohnungen renoviert. Kurz, im hamsterlichen Alltag sind wir durch Sturm, Flauten, mal mit mal ohne Diesel, Backskisten mal voll, mal leer, Segel heil und gerissen, wieder geflickt und weiter gesteuert, mindestens einmal um die Welt gesegelt, mit dem Wind und gegenan. 

Und nun merken wir: uns ist nicht nach mehr Abenteuer. Uns ist nach entspanntem Alltag, zeitlos, lieben Freunden, fröhlichen Runden und stillem Nichtstun. Nach Sackenlassen der ganzen wilden Jahre. Nach Ankommen bei uns. 

Um dieses zu erkennen, mussten wir uns auf die große Überfahrt vorbereiten. Wir haben die ToDoListe abgearbeitet, ein Schiff ausgestattet mit Wassermacher, Wind- und Schleppgenerator, Solarzellen, Amateurfunkanlage. Pyroschein, Funkscheine, Medizinseminar gemacht. Alles was uns autark auf den Weltmeeren segeln lässt. Wir haben 100 Liter Wasser in Kanistern gebunkert, Diesel und Gas gefüllt, Backskistenlisten angefertigt, Einkaufslisten erstellt. 

Dann legt nebenan auch noch Florian mit seiner Freundin Paim an und erzählt uns von seinen jahrelangen Plänen, zu fahren, und seinem Zögern jetzt. Er legt ab. Liebste Freunde von zuhause mailen uns: Ja!! Ihr müsst!! In die Karibik segeln!! Was für ein Revier!! Diese Pracht, diese Fülle, dieses berauschende Gefühl!!. Dieser Rum. (O-Ton Käptn: In der Karibik ist es so heiß, da liegst du tagsüber nur rum, und abends trinkst du nur Rum..) Vergammelt nicht auf den Kanaren!

Andere mailen: Hey, wem müsst ihr was beweisen. Die Kanaren sind wundervoll. Bleibt!! Hetzt euch nicht durch die Welt. 

Was sind wir abhängig von den Erwartungen unserer Freunde!! Wir haben uns wochenlang emotional hin-und hergeworfen. Konnten nicht schlafen. Konnten nicht genießen. Von der Abenteuerlust angesteckt haben wir gebunkert. Dann wieder mit Kloß im Hals und schlechten Träumen aufgewacht. Wir wollten beides! Da sein und nicht rüber segeln. Der Frachter für den Rückweg war bestellt. Es spitzte sich zu. Wir brauchten nur noch die Leinen loszuwerfen. 

Und beschlossen dann endlich: Wir bleiben hier. Wir genießen La Gomera. Unsere Freunde hier. Den einfachen Alltag in der Sonne auf dem Boot. Die Palmen, das Frühstück unter blauem Himmel. Das ohne-Termine-Leben. „ach vergeblich das Fahren! Spät erst erfahren Sie sich: bleiben und stille bewahren das sich umgrenzende Ich.“ (Gottfried Benn, Reisen)

Wir schauen nach einem frühen Wetterfenster, um uns wieder gen Norden zu bewegen, damit wir den Sommer auf der Ostsee genießen können. Träumen vom Ankern vor Aerosköbing. Segeln dann viermal rund Fünen, streifen Samsö, vielleicht gar bis Anholt. Und baden in den langen hellen Nächten der Ostsee. 

Borta und hemma

7 Antworten zu “Abenteuer des Lebens”

  1. Jörg sagt:

    Eure Entscheidung war die richtige Entscheidung! Ihr habt sie bewusst getroffen und das ist gut.

    Auch in der Karibik ist das Wasser salzig, es ist nur etwas wärmer. Auch in der Karibik gibt es gute und schlechte Tage, es gibt Regen und Sonnenschein. Schöne weiße Sandstrände kenne ich auch von der Ostsee.

    Allzu gerne hätten wir euch hier wieder getroffen, gemeinsam mit euch im Hähnchenparadies gegrillt. Wir hätten Rum getrunken und zusammen unter der gnadenlos brennenden Sonne geschwitzt.

    Seid froh, dass ihr eine Entscheidung getroffen habt, andere lassen das Leben geschehen und scheitern unter Palmen. Andere, wie zum Beispiel Susanne, treffen eine bewusste Entscheidung und freuen sich ihres Lebens.

    Wir sehen uns wieder und grillen zusammen im kalten Europa. Versprochen.

    Geschrieben auf 14°06’N 060°54’W.
    31°C im Schatten bei 76% Luftfeuchtigkeit.

  2. Smin sagt:

    Danke !!! Ja wir grillen 🦗 im Norden.

  3. Jens & Dörte sagt:

    Mit Schrecken
    haben wir Eure Zeilen gelesen – wir haben schließlich vorgehabt Euch in Eurem Kielwasser demnächst einzuholen – um uns dann daran zu erinnern, dass die größte Freiheit darin besteht, Ziele und Pläne immer wieder neu ausrichten zu können, um Freude und Glück zu erreichen.

    Ankern vor Aerosköbing, Schwitzen vor dem Supermarkt auf Anholt-Dorf, gleich tauchten auch noch weitere Bilder von der Dyvig und den Fischrestaurants von Kappeln auf. Ja – von hier (zZt Gibraltar) aus betrachtet hat der Gedanke von „Dänischer Südsee“ etwas sehr Heimeliges und Anziehendes.

    Wir denken an Euch und mögen uns gar nicht vorstellen wie emotional die letzten Tage vor der Entscheidung gewesen sind. Die Bereitschaft einen so lange gehegten Plan in Frage zu stellen und bereit zu sein ihn zu verändern ringt uns Hochachtung ab. So werden wir weiter Fans Eurer Blog-Berichte bleiben und vielleicht kreuzen sich unsere Kurse doch noch einmal in 2020.

    Fair Winds für all Eure Kurse, die Ihr anlegt
    und herzliche Grüße
    von der Crew der TENDREL-AURELIE

    PS.: Grüßt bitte auch Enno von uns!

  4. Smin sagt:

    Danke für die netten Sätze. Wir genießen jetzt La Gomera.

  5. Karl sagt:

    Das habt ihr aber schön geschrieben, das kommt mir/uns doch alles sehr bekannt vor. Ihr habt euch jetzt für die kleine Runde entschieden. Gut so, schlaflose Nächte wegen „ich muss doch ein Programm abspulen“ sind blöd. Später vielleicht wird es dann doch die große? Alles ist möglich. Und im übrigen ist es die gleiche Sonne, die uns auf den Kopf scheint, egal wo auf der Welt. Liebe Grüße, K&K

  6. Smin sagt:

    Ahoi. So ist es. Danke!!! Bis bald!!

  7. Sonja sagt:

    Wir kennen das genau 😜. Träume ändern sich. Entspannt Euch und guckt Euch noch El Hierro an, das konnte man ja beim letzten Mal nicht. Und wenn Ihr ein bisschen Abenteuer wollt, dann segelt über die Azoren zurück. Tolle Landschaft ohne große Hitze und die ganzen anderen Nachteile der Karibik.

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